Donnerstag, 08.10.2026 03:31 Uhr

AI&MEDIA2026 - ein neues Special der Münchner Medientage

Verantwortlicher Autor: Gerhard Bachleitner München, 05.06.2026, 15:43 Uhr
Kommentar: +++ Internet und Technik +++ Bericht 5196x gelesen
Ein Sisyphos-Avatar aus Porzellan - mit dem Auge der Zuschauerschaft? Ausschnitt aus "Happiness". Adrian D. Botnariu
Ein Sisyphos-Avatar aus Porzellan - mit dem Auge der Zuschauerschaft? Ausschnitt aus "Happiness". Adrian D. Botnariu  Bild: Referent

München [ENA] Das bisherige "Future Video"-Special der Münchner Medientage im Frühjahr erhielt heuer eine neue Ausrichtung und einen neuen Kooperationspartner, die HFF. Ursache der neuen Kooperation ist die KI, zu der die HFF bisher schon regelmäßig Symposien veranstaltete.

Die Veranstaltung erhielt das griffige Kürzel AIME und fand naheliegenderweise in der HFF (Hochschule für Fernsehen und Film) statt. Den Stand der Bewegtbilderzeugung durch KI demonstrierte zunächst Mark Wachholz, der sich selbst provisorisch als "AI Filmmaker und Storyteller" deklarierte und mit seinem Film Céremony an einem KI-Film-Wettbewerb teilgenommen hatte, für den Google 1 Mio. $ Preisgeld ausgelobt hatte. Von Adrian Daniel Botnariu blieb das mythologische Kurzdrama "Happiness" in Erinnerung, in dem er den Sisyphos-Mythos mit dem Pygmalion-Mythos verbindet.

Neues Erzählen alter Inhalte

Erzählt wird aber kein weltanschaulicher Hintergrund mit Göttern, Strafe oder Vergeblichkeit (in Verlängerung zu A. Camus), sondern eine Szenenfolge einzelner archetypischer Situationen: den Berg hinaufgerollt wird kein Felsen, sondern ein großes, vielleicht marmornes Auge, und Sisyphos ist kein bestrafter Held, sondern ein Porzellan-Avatar, den eine Künstlerin nach seinem Unfall wieder zusammenfügt. Ohne das Ende hier zu verraten, kann man zu dieser Konstellation doch anerkennend feststellen, daß dort künstliche echte Menschen dem künstlichen Avatar gegenübertreten, sich die virtuelle Welt also zu differenzieren beginnt.

Daß nichts mehr so sein muß, wie es scheint, ist angesichts der die Gesellschaft durchdringenden KI eine vergleichsweise banale Erkenntnis, über die Botnariu längst hinaus ist. Er übte auch die schärfste und treffendste Kritik an der europäischen Innovationsträgheit (oder -unlust). Ihm ist klar, wie tiefgreifend sich das Erzählen ändert, wenn erzählte Figuren dem Zugriff des Rezipienten offen stehen, oder anders betrachtet: die Autorschaft auch auf den Rezipienten übergeht. Solch "flexibles Erzählen" schließe aber nicht aus, daß es nicht noch für lange Zeit hybrides Erzählen im Film geben werde, also die Darstellung von Handlung durch reale Menschen in einer zunehmend virtuellen Szenerie.

Von öffentlich-rechtlichen Sendern kamen Beispiele KI-gestützter Geschichtsdidaktik, vom ZDF die Reihe mit dem keuschen, den Disclaimer schon mitführenden Titel "Deep Fake Diaries", in der wichtige Ereignisse - zumeist aus der bevorzugten, mit standardisierter Bewertung versehenen NS-Zeit - nachgestellt werden. Wenn dann auch mal ein Bismarck auftritt - vermutlich, um gegen die Sozialisten zu wettern oder seine Sozialgesetzgebung zu erläutern -, wird allein durch den Ornat der Kleidung und die Positur, außerdem durch die machtbewußte Sprache Distanz und Abneigung geschaffen.

Dabei wird klar, daß Geschichtsunterricht mehr sein müßte als vermeintlich täuschend echte Bewegtbildsequenzen einzelner Protagonisten. Das neue Projekt, das Produzentin Nikola Kohl vorstellte, will die Kaspar-Hauser-Geschichte als "True Crime Story" erzählen, ebenfalls ehrenwert, aber doch nur eine weitere von etlichen filmischen Adaptionen, die wohl auch nicht weniger "authentisch" als diese waren. Man sieht hier, daß man sich auf dem wohlvertrauten Boden künstlerischer Interpretation bekannter Stoffe bewegt, wie er seit Erfindung der antiken Tragödie die Poetik bestimmt.

Die einzige neue Rechtfertigung für KI-Interpretationen wäre nur diejenige, der drastisch verkümmerten Abstraktionsfähigkeit der jungen Generation, die keine längeren, bildlosen Bücher in möglicherweise älterer Sprache mehr zu lesen vermag, kompensatorisch beizuspringen. Im übrigen hat die Dramaturgie, Rezipienten der Gegenwart in frühere geschichtliche Epochen zu versetzen, in der Film- und Fernsehgeschichte nicht wenige Vorbilder. Als markantes Beispiel in der Literatur gilt Mark Twain ("Ein Yankee aus Connecticut an König Artus' Hof"), der seinerseits auf das Genre des Historischen Romans Bezug nimmt.

Weitere Beispiele von KI-Produktionen zeigten ein noch viel flacheres Kulturverständnis. Was Sasha Tkachenko von Holywater als "Vertical Series" vorführte, war nicht nur formal ungenießbar - durch das physiologisch widernatürliche Hochformat -, sondern besteht inhaltlich offenbar nur aus eskapistischen Inhalten, und dies nicht nur im Bewegtbild, sondern auch als abgeleitete Lesetexte. Schon die Optik der Titelbilder bebildert ein Genre, das man früher als "Groschenromane" bezeichnet hätte.

Jason Day von Luma AI hatte nichts Aufregenderes als einen pathetischen "Moses" dabei, als gäbe es in der Filmgeschichte nicht schon zahlreiche monumentale Bibelfilme. Otto Steiner von der Constantin sah bei vielen Serienformaten die spezifische Dramaturgie von Computerspielen am Werke. Man könnte auch sagen: wenn Episoden nur noch eine Minute lang sind, mit einem Cliffhänger enden oder womöglich vor die Bezahlschranke führen, kann man zurecht von einer "zynischen Form der Unterhaltung" sprechen, wie es Katharina Baer vom MedienNetzwerk Bayern tat. Hier werde mit maximaler Emotion hantiert und auf den Suchtfaktor abgezielt.

Diesen bestimmt auch das von Ashu Behl vorgestellte Angebot von "the world's #1 audio series platform" Pocket FM, die "Binge-worthy audio fiction", die das Hörbuch von seiner literarischen Herkunft und Substanz befreit und, wie die KI selbst sagt, "das Konzept der Fernsehserie auf das Audioformat überträgt", also ein "Netflix für Audio" sein will. Als "Mehrwert" für die weltweit mehr als 200 Mio. Hörer/Abonnenten werden "Cliffhangers by design", "Bingeables formats" und "Daily habits by design" ins Feld geführt, alles offensichtlich entmündigende Faktoren. Titel wie "Das Vampirsystem" oder "Das Model und der Milliardär" mögen die Genreorientierung andeuten.

Anthropologie mit KI

Das böse Wort vom "AI slop", der sich übers Internet ergießt, scheint also zutreffend zu sein, und da sind die kriminellen Fähigkeiten der KI noch gar nicht berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund wirken die sonst verhandelten Probleme eher marginal. Selbstverständlich: Urheberrecht und Persönlichkeitsrecht geraten unter Druck, wie die Juristen ausführten. Filmproduzenten und Medienhäuser müssen aus ökonomischen Gründen schneller und schlanker arbeiten (8mal schneller, 10mal billiger, wie Holywater vorrechnete), die Wertschöpfung durch KI sollte möglichst auch im eigenen Lande stattfinden, um die Abhängigkeit von den ausländischen Innovatoren nicht noch zu verstärken.

Und regulieren möchte man auch, weil die Institutionen dafür nun schon mal da sind. So betonten alle einheimischen Akteure, einerseits die Potenziale der KI kreativ zu nutzen, andererseits Verantwortung und menschliche Kontrolle behalten und sichern zu wollen. Wieviel Nostalgie darin steckt, wird sich noch herausstellen. Daß hier auch ein 'Kampf der Kulturen' vor sich geht, sollte man nicht ignorieren. Ebenso wenig aber die Tatsache, daß die KI eine bleibende neue Kulturtechnik wie Ackerbau oder Schrift ist. Es gibt eine Zeit davor - die man dann prähistorisch nennen wird - und eine Zeit danach.

Wenn sich die Menschheit mit der KI einen Spiegel vorhält, hat sie auch zu gewärtigen, darin all die gesellschaftlichen und politischen Mißstände zu erblicken und gespiegelt zu bekommen, die sie sich bis heute leistet. Daß das Werkzeug am mächtigsten in der Faust des Mächtigsten ist, kann nicht überraschen. Und weil das Buch der Natur, wie wir seit G. Galilei wissen, in der Sprache der Mathematik geschrieben ist, sollten wir uns nicht wundern, daß auch das Buch der menschlichen Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Photos und Events Photos und Events Photos und Events
Info.